ABOREA – Zias Wille

Vor über einem Jahr ist während der Arbeiten am Kampagnenset für Trion eine Kurzgeschichte entstanden, die ich jetzt zufällig wieder gefunden habe. Damals habe ich sie in die digitale “zwar nicht brauchbar, aber ich kann es nicht löschen” – Ablage geschoben. Ich weiß nicht mehr genau warum.

ZIAS WILLE

“Scundor, deine erste Wache?”

Ustric aus Elon blickte in das kampfgezeichnete Gesicht des Veteranen. Im Widerschein des Feuerbeckens erinnerte es ihn irgendwie an die Fratze Zias, wie sie im irdenen Tempel auf ihn herabgeblickt hatte. Damals war er unbedarft in die dunklen Hallen getreten. Er hatte das Stück Leinen mit dem Namen darauf fest in seiner Faust vergraben. Sein Herz war gebrochen, und die Verbitterung hatte seinen Mund trocken werden lassen. Er hatte eine der Siriaden förmlich angezogen. Es war, als hätte sie ihn gewittert, wie ein Raubtier seine Beute. Sie hatte ihn damals nicht fragen müssen. Sie hatte in ihm wie in einem offenen Buch gelesen, weshalb er hier war. Wortlos hatte sie ihm einen Gebets-Ring gegeben und ihm eine Nische gewiesen. In dieser waren kurz zuvor Kräuter verbrannt worden, und der Geruch hatte noch schwer in der Luft gehangen. Diese Alkoven waren vor Äonen in den bloßen Stein geschlagen, nein, gekratzt worden und boten gerade genug Platz für einen Menschen. In seiner Linken wog der Steinring schwer, und er hatte in dem wenigen Licht mühselig die Verse gelesen. Keine Zweifel. Sein Hass hatte ihm kaum Luft zum Atmen gelassen. Er hatte die Worte leise aus sich heraus gepresst, schwer wie hartes Holz gehobelt. Dann hatte er aufgeblickt und Zias Gesicht entdeckt, wie sie auf ihn herabsah. Für einen Moment war ihm gewesen, als wenn sein Herz aufgehört hätte zu schlagen. Der Dornkranz um ihr Haupt war plötzlich aufgeflammt. Schnell hatte er wieder runter auf den rauen Ring geblickt und seinen Wunsch hastig vorgetragen. Befreit und ein wenig orientierungslos war er später aus dem Haus der Göttin getreten.

Nun, einen Sommer später, stand er hier, auf der großen Wacht und war ein Scundor. Ein Fremder im eigenen Land. Auf einer Befestigung, die von Nord nach Süd über viele Tage reichte und die nicht zu enden schien. Eingerahmt von den Bergen in der Ferne, boten die große Wacht und ihre Forts und Anlagen einen überwältigenden Anblick. Ein unbezwingbares Bollwerk, wie von Riesenhand geschaffen. Und doch sind es Menschen gewesen, die dies vollbracht haben – in vielen Jahrzehnten haben sie Stein auf Stein gesetzt und ihr Blut als Mörtel vergossen. Oben, in fast sechs Metern Höhe, umklammerte ihn die Finsternis, und nur die Feuer auf der Mauer bildeten Horte des Lichts in einer endlosen Kette.

“Ja, Erster. Und es ist mir eine Ehre mit meinem Leben unsere Heimat zu schützen. Trion Agona.”, stolzierten Ustrics Worte militärisch kurz und mit der linken Faust vor der Brust heraus.

“Rühren, Scundor. Disziplin und Ordnung sind strenge Notwendigkeit. Aber du bist nun einer von uns. Wir sind jetzt Schildbrüder – im Kampf wie im Frieden.”, dabei lächelte er gewinnend. “Ich bin Cedrion, Paritan der 14. Decunde. Hier.” Er hielt Ustric einen Weinschlauch hin: “Nimm einen Schluck. Die Nächte können kalt werden. Der Wind, musst du wissen. Er weht hier stärker als sonst wo. Es sind deren Hexen. Man hört sie manchmal nachts heulen.”

Ustric nahm den ledernden Schlauch entgegen und gönnte sich einen Schluck: Gewürzter und gewässerter asculischer Roter, wahrscheinlich von den nördlichen Hängen Elons.

“Dieses Jahr werde ich zum Juvio-Fest wieder zu Hause sein.” Cedrion blickte gedankenverloren in die Schwärze jenseits der Wacht. “Endlich wieder bei meinem Weib. Daheim habe ich einen Weinkeller mit ein paar Flaschen aus Tverne. Dann werde ich jeden Abend aus den Töpfen der besten Küche Trions speisen, Wein aus meinen Vorrat Juvio zu Ehren darbieten und in einem warmen Nest schlafen. Ich werde mein Schwert dem alten Fisch im Brocken anbieten. Der braucht erfahrene Ausbilder und zahlt in Thalern.”

Ustric musterte den grauhaarigen, kurzgeschorenen Paritan, der vermutlich seine vierte Dienstzeit bald beenden würde: In seinem kantigen Gesicht ruhten wachsame graue Augen, und eine längliche Narbe lief quer über sein Gesicht. Ein Stück seines Nasenrückens war eingekerbt. Die Rüstung, die schmalen Stahlbänder über der eisernen Kette, passten ihm wie eine zweite Haut. Die schweren Stiefel, der Helm am Gurt, das Scaltion – das Schwert der Scundor – und der Dolch an seiner Seite – das Rot Trions überall. Blutrot.

Cedrion war ein Musterbeispiel eines Scundors. Oben an seiner Schulter hielt eine polierte Paritan-Scheibe seinen Umhang. Ein paar Funken trieben in den Nachthimmel, und man konnte schattig die Gravur auf der Insigne der Befehlsgewalt eines Paritan erahnen. Er brauchte sie nicht genau zu erkennen, denn er wusste genau, was darauf abgebildet war: Ein aufsteigender Falke in einem Dreieck. Trion Agona.

Mit schwieligen Händen, groß wie Bärentatzen, stützte sich der breitschultrige Veteran an einer Zinne ab. Leise, fast unhörbar, platzte ein “Ich vermisse sie.” aus ihm heraus. Ein Mann, der über mehr als 100 Scundor befehligte, sie in Schlachten führte und Herr über Leben und Tod war… Er stand hier und dachte nach all dem, was er getan hatte, nach all den Existenzen, die er mit einem Streich oder gar nur einem Wort ausgehaucht hatte, an seine Frau.

Schweigend starrten sie beide hinaus. Alleine das Knistern des Kohlebeckens war zu hören. In Ustric wütete hingegen ein Sturm und trieb ihn fast in den Wahnsinn – die Stille wurde immer unerträglicher. Er nahm noch einen vollen Zug aus dem Schlauch und fuhr mit seinen Fingern die Spuren der Bearbeitung im Stein behutsam nach. Seine Fingerspitzen glitten in die Zeichen von Sklaverei und Unterdrückung – mit Meißel und Hammer in der Wacht verewigt. Seine Gedanken schweiften weiter ab, und er musste an die vielen Arbeiter denken, wie sie die weißen Steine der Kronberge in Binsenkörben bis hier hinab in die Enge trugen, bis ihre Rücken krumm und ihre Beine gebrochen waren.

“Was ist mit dir, Junge. Hast du eine gute Frau, die auf dich wartet?”

Aber bevor er noch antworten konnte, spannte sich Cedrion an und zeigte auf einen schwachen Schein in der Ferne: “Da. Siehst du das Feuer? Dort beschwören sie unseren Tod. Nacht für Nacht. Zu weit für unsere Bögen, zu nah für unseren Frieden. Verdammte Dämonen.”

Ustric hatte auch damals den Tod beschworen. Qualvoll sollte sein Erzfeind aus dem Leben gerissen werden, so wie er zuvor seinen Bruder aus seiner Familienbande geschnitten hatte. Zia sollte ihn rächen. Zia, seine Schutzgöttin. Zia, die wie all andere Beute einfach vereinnahmt wurde. Nun beteten diese sie auch an, als wäre es schon immer so gewesen. Zia, die ihre Blöße nur mit den Insignien der Gerechtigkeit verdeckt und uns lehrt, dass wir nichts außer dieser haben. Doch Zia war keine billige Statue, die man irgendwo entdeckte, mit nach Hause nahm und auf den Kaminsims stellte. Götter sind niemandes Besitz. Das verstehen jene nicht, begreifen nicht die Wahrheit. Aber auch Ustric hatte lange nicht begriffen, warum Zia nicht den Namen auf dem Leinen getilgt hat. Jenem Stück Tuch, das er so sorgfältig in die Spalte des Vergessens in dem Alkoven in jener Stunde gesteckt hatte. Bis er plötzlich verstand. Sie würde es nicht für ihn verrichten; er selbst musste es vollstrecken. Das wollte Zia.

“Ein Ausfall ist zu riskant. Aber wir können sie dort auch nicht ihr Hexenwerk treiben lassen. In der Vierten sind schon wieder welche erkrankt. Sie brechen und scheißen alles aus. Wie Wasser. Du riechst es, wenn der Wind vom Ghalgrat kommt und es zu uns trägt. Eine verdammte Schweinerei ist das.” Cedrion schüttelte den Kopf und überkreuzte seine Finger, als könne er damit den Fluch abwenden.

Wie viele auf der Wacht wohl Kreuze oder Talismane zur Abwehr trugen. Ustric schaute sich um, aber er konnte die Nächsten kaum erkennen. Sie waren mehr als vierzig Meter entfernt, und einer der beiden verdeckte zur Hälfte ihr Wachfeuer. Auf der anderen Seite war es nicht viel anders, nur dass beide angestrengt in die Ferne spähten, als ob man in der Schwärze was hätte erkennen können.

Knisternd brach ein Scheit zusammen, und erneut stoben Funken hoch in die Dunkelheit. Die Wolkendecke war bei der Dämmerung dicht gewesen, und am frühen Abend hatte man Wetterleuchten im Süden sehen können. Ein Sturm würde aufziehen. Für einen Moment riss der Himmel auf, und Ustric konnte ein paar der Sterne erkennen. War die Zeit gekommen?

“Du bist ein schweigsamer Geselle. Aber wenn mich eines die Zeit gelehrt hat, dann dass solche wie du gute Schildbrüder in der Schlacht sind.”

Wieder öffneten sich die Wolken und erlaubten einen Blick auf die Götter. Diesmal sah Ustric Zia deutlich. Sie beobachtete ihn.

Ustric täuschte ein paar Schritte vor, griff hinter sich und zog die verborgene kleine Axt, mit der er so lange geübt hatte, die Stelle zwischen Helm und Harnisch aufzutrennen und zu treffen. Doch Cedrion trug keinen Helm – das würde es einfacher machen – und Ustric hob die Linke. Wie auf Kommando lief es geplant ab, der Paritan folgte der Hand mit seinen Augen, in der Erwartung, der Wachbruder würde ihn vor etwas warnen wollen. Es war der Moment, in dem Ustric wusste, dass er Erfolg haben würde. Zia war bei ihm, würde ihn führen.

Und er schlug zu.

Blitzschnell versuchte Cedrion sich unter dem Schlag weg zu ducken, doch nicht schnell genug, und die Klinge brach splitternd sein Nasenbein und schlug kurz unter der vernarbten Kerbe eine zweite. Ustric wirbelte herum und lies die Axt ein zweites Mal herab schnellen. Dieses Mal sollte es seinen Schädel spalten. Fast torkelnd wich der Paritan einen Schritt zurück und griff nach seinem Scaltion, Blut lief sein Gesicht hinunter. Der Hieb ging ins Leere. Keuchend setzte der Racheengel ihm nach, schwang mit der anderen Seite die Axt zurück. Statt einer Klinge war dort ein Dorn, der sich nun tief durch die Kette in das Fleisch des rechten Arms bohrte und Cedrion zur Seite schmetterte. Damit würde er kein Schwert mehr ziehen, doch der Gedanke war schnell vorbei – denn der Paritan lies mit der Linken den Dolch hervorschnellen. Beinahe hätte er schon den Willen des Feindes bestaunt.

Zia würde seinen Schlag lenken – und er holte erneut aus. Doch der Veteran wich nicht zurück, wie er erwartet hätte, sondern stürmte an ihn heran. So dicht, dass er seinen heißen Atmen spüren und den säuerlichen Asculier riechen konnte. Dann spürte er, wie sich der Dolch von unten in seinen Hals bohrte. Der Schwung seiner Axt verlor an Kraft und sie fiel auf die verhasste Wacht. Er versuchte zu beißen oder zu würgen. Er fragte sich, ob er ihre Gunst verloren hatte. Dies war der Mann, der seinen ältesten Bruder auf dem Gewissen hatte. “Verräter” hatte der Mann vor ihm den Sohn seiner Mutter damals genannt und hingerichtet. Eigenartig taub und dumpf nahm er wahr, wie der Paritan den Dolch drehte und es kurz warm und dann plötzlich kalt wurde. Die Welt drehte sich um ihn herum, und er stürzte. Er blickte hinauf zu Zia, doch der Vorhang fiel und man verwehrte ihm den Blick. Dafür kam ihm wieder die Fratze ins Gedächtnis. War das kein Zufall gewesen? Die Schwärze umschloss ihn. Er hatte versagt.

Cedrion lag zuckend auf dem Bollwerk der Enge. Die Kraft strömte aus seinem Körper. Das Gesicht des jungen Scundors war ihm gleich so bekannt vorgekommen. Aber erst jetzt hatte er die Züge eines Fahnenflüchtigen in ihm wieder erkannt. Das war mehr als einen Sommer her gewesen, als er ihn hatte richten musste. Er blickte zum sternenlosen Dach und floh Zia an, ihn vor der Rache des Jungen zu bewahren. Doch die Gewissheit eines Veteranen, der viele Schlachten geschlagen und viele Verletzungen erfahren hat, kam auf. Die Waffe war vergiftet gewesen. Das Atmen wurde immer schwerer. Es war so, als wenn die ganze Wacht auf seiner Brust läge. Zu viel Zeit war bereits verronnen, niemand würde ihn noch retten können. Eine Träne lief seine Wange herab, während sein letzter Gedanke seiner Frau galt.

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3 Antworten auf ABOREA – Zias Wille

  1. Anja sagt:

    Ich weiß warum – weil die Geschichte cool ist :-)
    Auch wenn ich dran rumgemeckert habe, wegen der vielen Erklärungen. *g*
    Brauchst du meine alten Geschichten eigentlich noch?

  2. Anja sagt:

    Hast Post!
    Ach was… meckern ist eigentlich doof…

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